Denken wir die Welt komplett neu – Arbeitgeberforum 2020

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Volles Haus beim AV-Forum des Arbeitgeberverbandes Lüneburg-Nordostniedersachsen im Zentralgebäude der Leuphana Universität. Foto: Hans Jürgen Wege

Es ist eine Frage, die wohl jeden Unternehmer und Arbeitgeber angesichts der Flut an neuen digitalen Entwicklungen in der Arbeitswelt beschäftigt: Welche Methoden sind für uns sinnvoll, welche überflüssig und wie wollen wir das herausfinden?

,,Für unsere Kinder ist die digitale Welt Normalität, wir Erwachsenen staunen immer wieder und manch einer denkt, dass diese Entwicklung hoffentlich an uns vorbei geht“, erläuterte Renate Peters, warum der Arbeitgeberverband Lüneburg-Nordostniedersachsen sein Arbeitgeberforum 2020 unter das Motto „New Work, Agilität und künstliche Intelligenz“ gestellt hatte. 
Und das Interesse war überwältigend: Rund 500 Interessierte aus der gesamten Region strömten am 24. Februar in den Libeskindbau der Leuphana Universität Lüneburg, um sich genau diesen Fragen zu stellen und Denkanstöße zu bekommen, wie man das eigene Unternehmen für die nächsten Jahrzehnte aufstellen kann.

„Mit diesem Thema haben wir offenbar einen Nerv getroffen“, stellte AGV-Hauptgeschäftsführer Bernd Wiechel angesichts der gewaltigen Resonanz erfreut fest. 

Gleich dem ersten Referenten gelang es, mit seinen provokanten Thesen das Publikum wachzurütteln und auch zum Nachdenken zu bewegen. Der Unternehmensethiker und Strategieforscher Professor Dr. Nick Lin-Hi präsentierte sein Szenario des Jahres 2040:

Schon in 20 Jahren haben Neugeborene eine Lebenserwartung von 200 Jahren, den Menschen wird ein Chip implantiert, der mit Hilfe künstlicher Intelligenz die ärztliche Diagnose ersetzt und Erkrankungen schon im Vorfeld erkennt, Führerscheine sind angesichts autonom fahrender Autos überflüssig… Nach der Überzeugung des Experten steht der Mensch vor dem größten Technologiesprung aller Zeiten. Und wer das nicht erkennt, wird abgehängt.

„Was wir in den nächsten Jahren erleben werden, ist jenseits dessen, was wir uns vorstellen können“, Prof. Dr. Nick Lin-Hi.

Für viele Unternehmer bedeute das konkret: „Wenn Sie glauben, dass die Welt von morgen so aussieht wie die heutige, könnte es sein, dass Sie morgen keine Firma mehr haben.“ Ein Beispiel dafür sei der Nokia-Konzern, im Jahr 2007 noch Weltmarktführer für Handys, der sich von Apple überholen ließ und acht Jahre später nicht mehr existierte. Die Manager hätten den Fehler gemacht und in den Rückspiegel geschaut, so Lin-Hi, „aber in dem Moment, wo die neuen Technologien die alten überholen, gibt es keine Chance mehr, sie einzuholen“. Seine Ermunterung ans Publikum: „Denken Sie die Welt komplett neu!“

Digitalisierung ist die eine große Herausforderung für Unternehmen in der heutigen Zeit, Mitarbeitergewinnung eine andere. – Sarah-Kim Pellmann, Enercity AG

Auch da sind angesichts von Nachwuchsmangel neue Denkweisen gefragt – Sarah-Kim Pellmann und Felix Twick von der Enercity AG stellten ihre neuen Wege vor. Der Energieversorger aus Hannover hatte sich vergeblich um Digitalspezialisten bemüht, Headhunter hatten mit Hinweis auf einen leergefegten Arbeitsmarkt abgewunken. Eine Task Force wurde eingerichtet, die völlig neu dachte: Als Bewerbung reichte zum Beispiel kurz der Link auf das Profil bei einem sozialen Kontaktnetzwerk. „Niemand hätte sich die Mühe gemacht und Anschreiben, Lebensläufe und Qualifikationen herunterzuladen“, weiß Pellmann. 
Zuvor hatte sich die Task Force informiert, auf welchen Plattformen sich Digitalexperten austauschen und diese dann gezielt nach Bewerbern durchstöbert. „Wir führen auch nicht die klassischen Bewerbungsgespräche, auf denen die Kandidaten zeigen müssen, wie hoch sie springen können, sondern ganz im Gegenteil: Wir demonstrieren, was für ein tolles Unternehmen wir sind“, erläutert Twick. Das Umdenken zeigt Erfolg: In sieben Monaten generierte Enercity 350 Bewerbungen.

Wachrütteln wollte zum Abschluss auch Christian Bredlow, Geschäftsführer der Digital Mindset GmbH, der dem Publikum den Spiegel des eigenen Zauderns vorhielt. „

Sie haben hier heute viel gehört und gehen morgen wieder in den Betrieb und werden nichts ändern. Denn das E-Mail-Postfach ist ja voll und dann kommt ja schon bald das Wochenende…“

Die große Herausforderung sei es jetzt, die Arbeitnehmer mitzunehmen, wenn der Arbeitsplatz plötzlich digital ist. „Wir müssen die Unternehmen agiler machen und unsere verstörten Mitarbeiter mitnehmen“. Es war das Schlusswort eines Arbeitgeberforums 2020, das zum Nachdenken bewegte und viele Chancen aufzeigte.