Kulturelle Vielfalt im Unternehmen ist ein Gewinn!

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Die freie Wahl des Arbeitsplatzes innerhalb der Europäischen Gemeinschaft zählt heute zum Grundrecht der Arbeitnehmer. 

Ein Gespräch mit Bernd Wiechel, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Lüneburg-Nordostniedersachsen e.V., Michael Kossel, Pflegedirektor des Städtischen Klinikums Lüneburg sowie Steffen Andrews, Leiter des Personalmanagements des Städtischen Klinikums Lüneburg über die Vorteile der Arbeitnehmerfreizügigkeit:

Europa steht auch für die Freiheit wählen zu können, in welchem EU-Mitgliedsstaat man leben und arbeiten möchte. Die Grundlage hierfür wurde mit der so genannten Arbeitnehmerfreizügigkeit geschaffen. Sie bietet EU-Bürgern zum einen individuelle berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, zum anderen könnte sie eine Lösung in Zeiten des akuten Fachkräftemangels darstellen.  

Arbeitnehmerfreizügigkeit was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff?
Bernd Wiechel:
Die Arbeitnehmerfreizügigkeit kann als eine der tragenden Säulen der Europäischen Union verstanden werden. Sie erlaubt es EU-Bürgern, sich in allen Mitgliedsstaaten niederzulassen und ohne explizite Arbeitsgenehmigung eine Tätigkeit aufzunehmen. Ein Ziel der Arbeitnehmerfreizügigkeit ist es, neben der freien Wahl des Arbeitsortes die Verwerfungen, die in Europa durch die unterschiedlichen Arbeitslosenzahlen entstehen – gerade auch im Bereich der Jugendarbeitslosigkeit – ein Stück weit auszugleichen. Wenn es gelingt, einen europäischen Arbeitsmarkt zu schaffen und damit berufliche Perspektiven, die über die nationalen Grenzen hinaus reichen, kann Arbeitnehmerfreizügigkeit auch ein sinnvoller Beitrag für ein Zusammenwachsen in Europa sein.

Von der Arbeitnehmerfreizügigkeit profitiert auch das Klinikum Lüneburg. Seit mehreren Jahren rekrutieren Sie Fachpersonal aus dem europäischen Ausland.
Steffen Andrews: Wir haben uns vornehmlich auf den Mittelmeerraum fokussiert. Eine bewusste Entscheidung, die auf zwei Faktoren fußt: Zum einen war für uns die uneingeschränkte Anerkennung der Ausbildung Voraussetzung, zum anderen ist für eine gelungene Integration eine kulturelle Nähe hilfreich. Daher haben wir uns für ausgebildete Fachkräfte aus Italien entschieden. 

Sind die fachlichen Qualifikationen der Bewerber mit den unseren vergleichbar?
Michael Kossel: Länder wie Portugal, Spanien, Griechenland, Italien bilden nach den so genannten Bologna-Richtlinien aus, was eine europaweite Anerkennung erleichtert. In Italien absolvieren angehende Gesundheits- und Krankenpfleger und -pflegerinnen statt einer dreijährigen Ausbildung ein generalistisch geprägtes Studium, das bei uns im Gesundheits- und Krankenpflegebereich problemlos anerkannt wird. Abschlüsse im Bereich Altenpflege und Kinderkrankenpflege werden hingegen noch nicht anerkannt. Schwierig gestaltet es sich auch mit beruflichen Qualifikationen, die in osteuropäischen Ländern erworben werden. Diese können jedoch nach eingehender Prüfung über ein in Deutschland absolviertes Anerkennungsjahr erlangt werden.

Sprachliche Barrieren stellen gerade in Pflegeberufen eine große Hürde dar.
Steffen Andrews: Bewerberinnen und Bewerber müssen grundsätzlich gute Sprachkenntnisse – also mindestens auf B2-Niveau – nachweisen. Dennoch ist es zwingend erforderlich, dass sich Pflegekräfte aus dem Ausland weiterqualifizieren, um selbständig tätig sein zu können. Das Klinikum hat zusätzliche Sprachkurse finanziert, um diese Lücke zu schließen.

Michael Kossel: Darüber hinaus ist es wichtig, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen; beispielsweise ein Team aus überwiegend deutschsprachigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, an denen sich die Fachkräfte aus dem Ausland orientieren können. Es braucht etwa ein Jahr, bis ausreichende sprachliche Kompetenzen vorhanden sind, Abläufe verinnerlicht und eine Integration in das Team stattgefunden hat. Wir sind glücklich, dass es uns gelungen ist, diese hochqualifizierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zu binden. Sie sind eine ungeheure Bereicherung für das Klinikum – auch aufgrund ihrer kulturellen Herkunft.

Worauf sollten Arbeitgeber achten, wenn sie Fachkräfte aus dem europäischen Ausland beschäftigen möchten?
Bernd Wiechel: Grundsätzlich möchte ich Arbeitgeber ermutigen, auch europäische Fachkräfte für den Standort zu gewinnen. Ich bin sicher, dass ein Unternehmen – gerade wenn es um innovative Fortentwicklung oder Problemlösungen geht – von anderen Kulturen profitieren kann. Für Unternehmen macht es keinen Unterschied, ob sie eine Fachkraft aus dem eigenen Land oder dem europäischen Ausland einstellen. Gehälter werden nach dem jeweils geltenden Vergütungsniveau gezahlt. Bei Steuern und Sozialversicherung greift wiederum das so genannte Territorialprinzip, das heißt: Beides ist in dem Land zu entrichten, in dem die Tätigkeit ausgeübt wird. 

Stellt der bürokratische Aufwand eine Hürde für Arbeitgeber dar?
Steffen Andrews: Wir haben festgestellt, dass sich bereits nach kurzer Zeit ein Lerneffekt einstellt gestellt hat – sowohl von unserer Seite als auch seitens der Berufsanerkennungsstelle. Wenn man weiß, welche Dokumente, welche Anträge benötigt werden, ist das Procedere zügig zu bewältigen.

Michael Kossel: Wir erhielten zudem jede erdenkliche Unterstützung durch einen erfahrenen Personaldienstleister, der uns während des gesamten Rekrutierungsprozesses begleitete.

Manch einer befürchtet ein Lohndumping. Eine berechtigte Sorge?
Michael Kossel: Die meisten Berufsbranchen verfügen über einen Tarifvertrag. Vor dem Hintergrund, dass nahezu jede Branche unter einem Mangel an qualifizierten Mitarbeiter leidet, kann es nicht das Ziel sein, deutsche Fachkräfte durch „billige“ Arbeitnehmer aus dem Ausland zu ersetzen.

Bernd Wiechel: Wenn beispielsweise eine Firma mit Sitz im europäischen Ausland Personal nach Deutschland entsendet, können sich in der Tat Grauzonen auftun. Doch gibt es mittlerweile auch hier einen Schutz: das Arbeitnehmerentsendegesetz. Dieses verpflichtet den ausländischen Auftragnehmer grundsätzlich, den in Deutschland eingesetzten Arbeitnehmern eine festgelegte Mindestvergütung zu zahlen.

Ihr Wunsch an die künftigen Europaabgeordneten?
Bernd Wiechel: Ich wünsche mir in Bezug auf die Arbeitnehmerfreizügigkeit eine deutliche Entbürokratisierung. Regelungen sollten vereinfacht werden, um das Selbstverständnis zu etablieren, dass wir die Wahl haben, wo wir unsere Arbeitskraft einsetzen möchten.

Michael Kossel: Mein Wunsch sind praktikable Lösungen, primär was die Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen betrifft. Ein Europa also, das gleiche Bedingungen in allen Mitgliedsstaaten schafft.

Steffen Andrews: Es wäre wünschenswert, wenn die EU Unternehmen weiterhin dabei unterstützt, bei der Integration neuer Fachkräfte Schwellen abzubauen und zugleich Menschen bei ihrem Schritt in ein fremdes Arbeitsumfeld zu helfen.