Persönlichkeiten statt Tyrannen

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Persönlichkeiten statt Tyrannen – wie junge Menschen in Beruf und Leben ankommen

Podiumsdiskussion des Arbeitgeberverbandes Lüneburg-Nordostniedersachsen e.V. mit dem Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Michael Winterhoff

Mit rund 300 Teilnehmern aus Schule und Wirtschaft war der Saal der Ritterakademie in Lüneburg am 19. Februar bis auf den letzten Platz gefüllt. Das Thema griff eine aktuelle Problematik auf, die Ausbildungsbetriebe zunehmend vor große Herausforderungen stellt: Das Fehlen von Lehrlingen. Viel zu oft werde dies mit dem demografischen Wandel oder dem Trend zum Studium begründet, hieß es. Dem stehe jedoch die Tatsache entgegen, dass in jedem Jahr Tausende junge Menschen keinen Ausbildungsplatz finden, obwohl sie an einem Lehrberuf interessiert sind. Elisabeth Gleiß, Oberin der DRK-Augusta-Schwesternschaft Lüneburg e.V, Dieter Stephan, Oberstudiendirektor (a.D.) und der renommierte Kinder- und Jugendpsychiater Dr. med. Michael Winterhoff beleuchteten in ihrer Podiumsdiskussion die Situation aus verschiedenen Perspektiven. Winterhoff führte, wie bereits in seinen zahlreichen Publikationen, die mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger als Hemmnis Nr. 1 an. Das Delta zwischen betrieblicher Anforderung und sozial-emotionaler Kompetenz sei bei vielen Jugendlichen enorm und der Grund für einen scheiternden Übergang von der Schule in die Ausbildung.

Herr Dr. Winterhoff, Sie sprechen von einer mangelnden Ausbildungsreife bei vielen Jugendlichen. Worauf bezieht sich diese?
Michael Winterhoff: Auf Fähigkeiten, die man im Erwachsenenalter als „Soft Skills“ bezeichnet. Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Belastbarkeit gehören beispielsweise dazu. Fähigkeiten, die man jedoch nur erbringen kann, wenn eine Persönlichkeitsentwicklung stattgefunden hat.

Sie haben beobachtet, dass sich viele Kinder zu ich-bezogenen Individuen entwickeln, mit ihrem Verhalten ihr Umfeld dominieren. Inwiefern ist dies Ursache der elterlichen Erziehung?
Michael Winterhoff: Die Bildung der Psyche hat mit Erziehung rein gar nichts zu tun. Damit Kinder eine altersgerechte psychische Reife entwickeln, braucht es Erwachsene, die ihnen Orientierung geben. Wenn Sie heute durch die Stadt gehen, blicken Sie in gehetzte, unzufriedene Gesichter. Der Mensch leidet unter einer permanenten Reizüberflutung – auch durch die Digitalisierung. Das Gehirn kann jedoch nur eine gewisse Menge an Informationen aufnehmen. Diese Grenze überschreiten wir täglich um ein Vielfaches, dadurch verlieren wir unsere „Mitte“. Man ist nicht mehr in der Lage zu agieren, man reagiert nur noch. Eine Grundvoraussetzung für die altersgerechte Entwicklung der kindlichen Psyche aber ist, dass Eltern in sich ruhen und bewusst agieren, Grenzen setzen, während des Lernprozesses unterstützen.

Entscheidend für die Entwicklung unserer Kinder ist also, ob Erwachsene in sich ruhen?
Michael Winterhoff: So ist es. Wir müssen in unserer digitalisierten Welt grundsätzlich dafür Sorge tragen, dass unsere Psyche die Chance erhält, zu regenerieren. Das kann durch Meditation oder auch einen stillen Spaziergang im Wald erreicht werden – bei gleichzeitiger Smartphone-Abstinenz. In der Ruhe finde ich meine Lebensmitte wieder, bin Kapitän über meine Psyche und habe dem Kind gegenüber das richtige Bauchgefühl. Ich weiß intuitiv, was es braucht, um sich altersgerecht entwickeln zu können.

Hat sich die kindliche Psyche nicht altersgerecht entwickelt, können dann Schulen oder Ausbilder später noch Einfluss nehmen?
Michael Winterhoff: Sicher, wenn man berücksichtigt, dass diese Kinder schnell überfordert sind, einen sehr engen Personenkontakt – beispielsweise zu einem Ausbilder – brauchen und in kleinen Gruppen individuell gefördert werden müssen. Psyche bildet sich maßgeblich über Bildung, über Beziehung und über Anleiten und Begleiten aus. Schafft man diese Rahmenbedingungen, hätten Jugendliche noch eine Chance, eine ihrem Alter entsprechende Ausbildungsreife zu erlangen.

Wird die fehlende Ausbildungsreife als Ursache wahrgenommen?
Michael Winterhoff: Viel zu wenig. Derzeit wird der fehlende Ausbildungsnachwuchs häufig noch auf die geburtenschwachen Jahrgänge geschoben. Doch wenn wir heute nicht die Weichen stellen, wird der Schaden immer größer. Es müsste dringend in Konzepte investiert werden, die sich an Erzieher, Lehrer und Ausbilder richten. Und ich bin hoffnungsvoll, dass die Achtsamkeitsentwicklung voranschreitet, jeder einzelne spürt, wie wichtig es ist, sich Regenerationszeit zu nehmen, um aus der Reizüberflutung auszusteigen. Nur so kann es gelingen, die Psyche unserer Kinder reifen zu lassen und sie zu umsichtigen, vorausschauenden Menschen zu machen.

Fotos © tonwert21, Andreas Tamme